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Unser Appell

Initiative Wiesbadener √Ąrztinnen und √Ąrzte gegen das geplante Kohlekraftwerk

An die politisch Verantwortlichen, an die Vertreterinnen und Vertreter der politischen Parteien in den Gremien und Aufsichtsräten der KMW und der beteiligten Stadtwerke:


Die Kraftwerke Mainz-Wiesbaden (KMW) planen den Bau eines Steinkohlekraftwerks auf der Ingelheimer Aue.

Mit der Entscheidung f√ľr den Bau eines 823 MW Kohlekraftwerks als k√ľnftigen Ersatz f√ľr ihr 400 Megawatt Gas- und Dampfturbinen-Kraftwerk (GUD) schl√§gt die KMW den Bem√ľhungen um gebotenes schnelles Handeln bei der CO2-Reduktion, vor dem Hintergrund der Klimaschutzdiskussion, ins Gesicht.
Die Weichenstellung f√ľr den Brennstoff Kohle bedeutet, dass sich der CO2-Aussto√ü pro Kilowattstunde Elektrizit√§t verdoppeln wird. Zusammen mit der geplanten Verdoppelung der Stromproduktion am Standort Mz/Wi ist also mit einer Vervierfachung des CO2 -Aussto√ües gegen√ľber dem heutigen Kraftwerk zu rechnen.

Der Ausstoß von jährlich mehr als vier Millionen Tonnen des Treibhausgases Kohlendioxid durch das geplante Kohlekraftwerk ist nicht akzeptabel.

Die Erzeugung von 823 Megawatt Leistung benötigt die Verbrennung von ca. 6000 Tonnen Steinkohle pro Tag. Durch die Verbrennung von Kohle werden Schadstoffe freigesetzt die erwiesenermaßen sowohl Umwelt wie auch Gesundheit schädigen.
Hauptschadstoffe sind Kohlenmonoxid, Stickstoffdioxid, Arsen, Schwefeldioxid, Chlorverbindungen, Nickel, Blei, Cadmium und Quecksilber, Feinstaub und radioaktive Stoffe.

Der Kapazit√§t des Kraftwerks entsprechend werden genannte Stoffe in gro√üer, f√ľr Mensch und Umwelt belastender Menge abgegeben. Selbst wenn die vom Gesetzgeber vorgegebenen Grenzen im Einzelfall eingehalten werden, handelt es sich um eine nicht zu verantwortende zus√§tzliche massive Belastung durch z.T. hochtoxische Substanzen.

Als √Ąrztinnen und √Ąrzte bef√ľrchten wir, dass f√ľr die im Umkreis des Kraftwerks lebenden Menschen durch die erh√∂hte Schadstoffbelastung unkalkulierbare gesundheitliche Risiken entstehen.

An erster Stelle sei auf die Feinstaubwerte hingewiesen. Um √ľber 480 Tonnen/Jahr wird die Menge des Feinstaubs durch die Kohleverbrennung ansteigen. Damit wird eine Zunahme von Atemwegs- und Herzkreislauferkrankungen in Kauf genommen.
Die WHO h√§lt, aus Gr√ľnden der Gesundheitsf√ľrsorge 10 Mikrogramm lungeng√§ngigen Schwebstaub pro m¬≥ gerade noch f√ľr tolerabel. Der Grenzwert der Schweiz betr√§gt 20 ¬Ķg/m¬≥, in Deutschland 40 ¬Ķg/m¬≥. In Mainz und Wiesbaden werden an Messstationen schon jetzt Jahresmittelwerte von 28-30 ¬Ķg/m¬≥ gemessen. Es treten Jahresspitzen von vielfach h√∂heren Werten auf.
Die Sterblichkeitsrate steht in engem Zusammenhang mit der Feinstaubbelastung. Durch erhöhte Mengen an Feinstaub in der Atemluft steigt das Risiko der Erkrankung und somit auch die Sterblichkeitsrate.

Reizgase wie Schwefeldioxid und Stickoxide schädigen die Atemwege. Es ist mit einer Zunahme der Asthma- und Allergierate zu rechnen.

Bei der Abwägung der Fakten sollte ein besonderes Augenmerk auf die gesundheitliche Situation der Kinder in der schon jetzt stark belasteten Ballungszone Mainz/Wiesbaden gelegt werden. Große Mengen an Umweltgiften schädigen schon jetzt deren Atemwege im Stadium der Entwicklung und Ausreifung.

Selbstverständlich sind unsere Bedenken nicht einfach aus der Luft gegriffen, sondern in ähnlichen Fällen mehrfach wissenschaftlich belegt worden. Dazu seien im Folgenden einige Untersuchungen, veröffentlicht in einigen der renommiertesten medizinischen Fachjournalen, beispielhaft aufgelistet:

1. Stone in The New England Journal of Medicine (Vol. 351;17, Oktober 21, 2004): Epidemiolog. Studien zeigen einen deutlichen Zusammenhang zwischen Luftverschmutzung und Morbidit√§t. Akute Belastungen z.B. im Stra√üenverkehr f√ľhren zu erh√∂hter Gef√§√üentz√ľndung, erh√∂hter Viskosit√§t des Blutes und Vasokonstriktion (Triggerung von Herzinfarkten)

2. Miller in The New England Journal of Medicine (Vol. 356, No 5, Feb. 1, 2007): Die Untersuchung von 66.000 Frauen zeigte, dass eine erh√∂hte Feinstaubexposition zu einer deutlich erh√∂hten Rate von z.T. t√∂dlichen kardiovaskul√§ren Ereignissen f√ľhrt.

3. Clancy in The Lancet (Vol. 360, October 19, 2002): Nach dem Verbot der Kohleverfeuerung in Dublin am 1.9.1990 reduzierte sich die Morbidität und Mortalität an respiratorischen und kardiovaskulären Ereignissen viel deutlicher als erwartet.

4. Kley in Deutsches √Ąrzteblatt (Heft 10, 10. M√§rz 2006): Eine deutliche Zunahme von Allergien bei Kindern wird bei h√∂herer Luftverschmutzung beobachtet.

5. Zylka-Menhorn in Deutsches √Ąrzteblatt (Heft 14, 8. April 2005): Der Zusammenhang zwischen chronischem Husten, chronischer Bronchitis, kardiovaskul√§ren Risiken, Verschlechterung der Lungenfunktion, Bronchialkarzinom, Verk√ľrzung der Lebenserwartung einerseits und erh√∂hter Feinstaubbelastung andererseits gilt als gesichert.

Ministerialdirektor Dr. habil. U. Lahl, Bundesumweltministerium: Wir k√∂nnen davon ausgehen, dass mehr Menschen durch Feinstaubexposition sterben als durch Verkehrsunf√§lle. Sehr hohe Feinstaubkonzentrationen f√ľhren zu einer Erh√∂hung der Herzinfarktrate um 48% nach 24 Stunden und 69% nach 48 Stunden. Eine Erh√∂hung der Feinstaubkonzentration um 10¬Ķg/m¬≥ im Jahresmittel erh√∂ht die Gesamtmortalit√§t um 6%, Herz-Kreislauf-Erkrankungen um 9%, und Bronchialkarzinom sogar um 14%. In Mehrschadstoffmodellen konnte nachgewiesen werden, dass die Kurzzeitwirkungen von Schwebstaub bedeutsamer sind als die von gasf√∂rmigen Schadstoffen wie Ozon, NO2, SO2 und CO.


SCHLUSSFOLGERUNG

Wir sind als √Ąrztinnen und √Ąrzte dazu verpflichtet, f√ľr die Gesundheit der B√ľrgerinnen und B√ľrger Sorge zu tragen.
Aus medizinischer Sicht halten wir den Bau eines neuen Kohlekraftwerks f√ľr nicht verantwortbar.

An dieser Stelle k√∂nnen wir nicht n√§her auf die globalen Ausma√üe des Klimawandels eingehen, der vor allem f√ľr die in Armut lebenden Menschen zu verst√§rkten gesundheitlichen Risiken f√ľhrt, zum Beispiel durch Wetterextreme und dadurch entstehende Hungersn√∂te.

Unser Anliegen als √Ąrztinnen und √Ąrzte ist es, darauf hinzuweisen, dass ein neues Kohlekraftwerk die Bev√∂lkerung von Mainz, Wiesbaden und Umland einem verst√§rkten gesundheitlichen Risiko aussetzen w√ľrde.

Wir sagen deshalb in aller Deutlichkeit NEIN zum Kohlekraftwerk!

Wir fordern dazu auf, nach umwelt- und gesundheitsvertr√§glichen Alternativen zu suchen. Wir wehren uns gegen ein Projekt, das den Menschen wissentlich Schaden zuf√ľgt.
Wir fordern dazu auf die Verantwortung gegen√ľber Klimaschutz und dem Schutz der Gesundheit ernst zu nehmen.

Wirksame Vorsorge verhindert Beeinträchtigungen, Krankheit und Leid.
Nachsorge kann lediglich helfen, die Zunahme von Schädigungen im Rahmen des therapeutisch Möglichen zu begrenzen.
Es w√§re zynisch, wenn wir einer solchen Entwicklung zum Schlechtern tatenlos zusehen w√ľrden.

Deshalb sagen wir NEIN zur Verschärfung des Treibhauseffekts, zu weiterer Luftverschmutzung mit Reizgasen und Feinstaub sowie zur Erhöhung der Schwermetallbelastung.

Das Kohlekraftwerk auf der Ingelheimer Aue darf nicht gebaut werden !

 

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